Chirophonetik
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Chirophonetik
Was ist Chirophonetik?
CHIROPHONETIK 
HELFEN MIT DEN LAUTEN DER SPRACHE
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Textfeld: Die Chirophonetik ist eine Therapie, bei der mit Sprache und Berührung behandelt wird.

Der Name leitet sich ab von griechisch cheir – Hand und phone – Stimme, Laut, Ton.
Beim Sprechen eines jeden Lautes bildet sich im Mundraum eine charakteristische Luftströmung. Diese Luftströmungsform wird mit den Händen vorwiegend auf den Rücken des Patienten übertragen, während der Laut gleichzeitig gesprochen wird. 

Die Therapie wurde von Dr. phil. Alfred Baur (Heilpädagoge und Sprachtherapeut) in Zusammenarbeit mit seiner Frau Dr. med. Ilse Baur (Ärztin) auf der Erkenntnisgrundlage der anthroposophisch-medizinischen Menschenkunde  Rudolf Steiners entwickelt.
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Textfeld: Seit 1976 bietet die Schule für Chirophonetik Ausbildungskurse an, die in der Regel von Menschen aus therapeutischen, heilpädagogischen oder pflegenden Berufen besucht werden.


Wie entstand die Chirophonetik?

Alfred Baur führte gemeinsam mit seiner Frau seit 1957 eine sprachheilpädagogische Ambulanz in Linz. Er hatte auch Patienten in einem neurologisch-psychiatrischen Krankenhaus zu betreuen.
Im Jahre 1972 behandelte er dort einen dreijährigen Jungen, der nicht sprach und keinen einzigen Laut von sich gab, obwohl er gut hörte und auch einigermaßen verstand, was zu ihm gesprochen wurde.
Ursache der Schwierigkeiten war eine Hirnschädigung. Dem Jungen mussten deshalb die Bewegungen der Sprechwerkzeuge beigebracht werden.

Jede andere Bewegung, z.B. die von Armen und Beinen, lässt sich beobachten und kann geführt oder nachgeahmt werden. Die Bewegungen der Sprechwerkzeuge jedoch vollziehen sich im Verborgenen des Mundraumes. Wir erlernen die Sprache, indem wir das Gehörte nachahmen. Das erfordert eine hohe Aufmerksamkeit der auditiven Wahrnehmung und starke Impulse zur Nachahmung. 

Offensichtlich waren bei dem Kind diese beiden Funktionen zu schwach ausgeprägt. Deshalb beschloss Alfred Baur, ihm die Lautbildung auf den Rücken zu „schreiben“. Er wusste aus der Gehörlosenpädagogik, dass über die Sensibilität der Haut des Rückens das periphere Hören angeregt werden kann.
So strich er auf den Rücken des Kindes Formen, wie sie sich beim Sprechen als Luftströmungen im Mund bilden. Dazu sprach er den jeweiligen Laut. Auf diese Weise konnte der Junge die Sprache nicht nur hörend, sondern auch tastend wahrnehmen.
Nach wenigen Wochen stellten sich erste Erfolge ein. Das Kind begann zu sprechen. Sein ganzes Verhalten wurde fröhlicher.

Alfred Baur betreute in seiner Ambulanz einige ähnliche Fälle und baute die neue Methode aus.
Im Jahre 1976 stellte er sie seinen Freunden aus der Heilpädagogik vor. Hier lagen die Probleme anders, denn es handelte sich um Kinder mit unterschiedlichsten Entwicklungsstörungen sowie Kontaktstörungen bis hin zu autistischem Verhalten. 

Die Chirophonetik bewirkte in vielen Fällen eine Besserung. Oft konnten deutliche Entwicklungsfortschritte erreicht werden. Es gelang allerdings nicht immer, die Kinder zum Sprechen zu bringen.
Die Erfolge sprachen sich herum, und die Chirophonetik breitete sich in Europa und anderen Ländern aus. Alfred Baur widmete sich nun der Vermittlung der Chirophonetik in Kursen. Die Therapie wird inzwischen längst nicht mehr nur zur Sprachanbahnung eingesetzt.


Wie erlebt der Patient die Chirophonetik?

Was geschieht, wenn wir sprechen? Wir artikulieren Laute, Silben und Wörter und lassen für jeden Laut die Atemluft in verschiedener Weise durch den Mund strömen.
Bei einem „B“ z.B. wird die Luft hinter den Lippen gestaut, bei einem „F“ strömt sie zwischen Lippen und Zähnen aus dem Mund.
Für gewöhnlich macht man sich nicht klar, welche kunstvollen Bewegungen beim Artikulieren ausgeführt werden. Keine andere Bewegung verläuft so exakt wie die beim Sprechen. Jeder Sprachheilpädagoge weiß, wie schwierig es ist, Sprechfehler zu beseitigen, bisherige Bewegungen beim Sprechen richtigzustellen und neue anzubahnen, da diese Vorgänge überwiegend im Verborgenen ablaufen und sich so der Nachahmung entziehen.

Bei der chirophonetischen Behandlung liegt der Patient in der Regel auf einem Massagetisch. Der Therapeut streicht auf dem Rücken, an Armen oder Beinen eine bestimme Form und spricht dazu den entsprechenden Laut. Der Patient hört den Laut und fühlt gleichzeitig die Hände des Therapeuten, ihre Wärme, den leichten Druck und die Strichführung.
Er nimmt mit dem Sprach- und Tastsinn den Prozess der Lautbildung wahr.
Obwohl er scheinbar untätig die Behandlung genießt, ist seine Aufmerksamkeit ganz auf die Übereinstimmung des akustischen Eindrucks mit der  Bewegungsspur gerichtet. Er hört den Laut und „liest“ die Form. Dieser Eindruck wiederholt sich mehrmals. In ihm verbinden sich immer mehr die Lauteindrücke mit den Tasterlebnissen. Die Lautgestalten beginnen sich einzuprägen. Gehörtes und Gefühltes passen zusammen.
So entsteht im Patienten der Impuls, die Laute innerlich nachzuahmen. Da mit Lauten gearbeitet wird, mischt sich auch kein störender gedanklicher Inhalt ein. Wie wir das Sprechen als Kind nicht bewusst erlernt haben, sondern die Sprache in uns gewachsen ist, so weckt die Chirophonetik den Impuls zum Bilden der Laute, der Silben - der Sprache.
Zum anderen erlebt der Patient, dass jeder Laut eine eigene Qualität hat. Es gibt zum Beispiel Laute, die einen mehr aufmunternden, belebenden Charakter haben, andere, die umhüllend, beruhigend wirken. Sprachkünstler und Dichter kennen die Wirkung der Laute. Der Patient kann sie fühlen und als ordnende, heilende Kraft empfangen.


Wirkungsweise und Anwendungsgebiete der Chirophonetik

• Durch die Chirophonetik werden die Sprachwahrnehmungsfähigkeit und der Wille zum eigenen Sprechen impulsiert. Deshalb hat sich diese Therapie zur Anbahnung des Sprechens bei nicht oder kaum sprechenden Kindern besonders bewährt. Auch Patienten, die wegen eines Hirntraumas Sprachschwierigkeiten haben, kann auf diese Weise geholfen werden. 
• Die Chirophonetik steigert die auditive Wahrnehmungsfähigkeit, sie kann deshalb bei „auditiver Wahrnehmungsschwäche“ sowie bei „eingeschränkter Hörfähigkeit“ helfen.
• Während der chirophonetischen Behandlung wird der Patient mit feinen Massagestrichen berührt. Er fühlt durch die Tast- und Wärmeeindrücke seinen Leib intensiver. Diese verstärkte Eigenwahrnehmung lässt den Patienten sich in seinem Leib „ richtig zu Hause“ fühlen.  Das vermittelt Sicherheit und stellt in vieler Hinsicht eine große Hilfe im therapeutischen Prozeß dar.
•  In der Pädagogik und Heilpädagogik hilft Chirophonetik deshalb bei Entwicklungsstörungen, Folgen von Cerebralparesen (Bewegungsstörungen), Kontaktschwierigkeiten bis hin zum Autismus, bei unruhigen Kindern und bei jeder Art von Aufmerksamkeitsstörung. Auch Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten lassen sich gut durch sie beeinflussen.
• Das gleiche gilt in Pflegesituationen bei durch Hirntrauma desorientierten Menschen (Wachkoma), bei Kleinkindern mit Geburtstrauma (Frühgeburten) oder in der Altenpflege. 
• Die Therapie kann so gestaltet werden, dass der Patient tiefe Entspannung und Atemberuhigung erlebt und die ordnende Kraft der Sprache erfährt. So kann die Chirophonetik dem stotternden Menschen helfen und bei Asthma, Schlaflosigkeit und psychosomatisch bedingten Erkrankungen die medizinische Therapie sinnvoll ergänzen.
Die für die Therapie erforderlichen Laute ergeben sich einerseits aus der Phänomenologie der Laute, andererseits aus der medizinischen, heilpädagogischen oder auch sprachheilpädagogischen Diagnostik.


Chirophonetik in der Familie

Die Chirophonetik ist eine Einzeltherapie, in die ein Angehöriger des Patienten einbezogen werden kann. Nach entsprechender Anleitung und Kontrolle führt er zu Hause die Behandlung durch.
Ein Therapeut kann nie so viel leisten, wie zum Beispiel eine Mutter, die täglich jeweils einige Minuten ihr Kind behandelt.

In der Regel wird die Chirophonetik gerne angenommen.
Manche schwierige Situation, wenn zum Beispiel in einer Familie ein Mensch mit einer Behinderung lebt, lässt sich durch diese Mitarbeit leichter bewältigen.

So wie die Sprache Menschen verbindet, liegt auch in der Chirophonetik eine soziale Kraft.